Botulinumtoxin, vielen Menschen besser als Botox bekannt, hat in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt. Diese bemerkenswerte Substanz avancierte vom gefürchteten und gemiedenen Nervengift zum stark nachgefragten Superstar in den Praxen kundenorientierter Schönheitschirurgen, wo es seit dem Gesichtswogen glättet, und Zornesfalten ganz lässig ausbügelt. Mediziner, die regelmäßig Migränepatienten sehen, wissen natürlich schon längst, dass Botox noch weit mehr kann, als zu einem komplett entspannten Antlitz zu verhelfen. Nun hat auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) diese segensreiche und schmerzlindernde "Nebenwirkung" offiziell anerkannt, und Botulinumtoxin als therapeutisch wirksame Substanz bei der Behandlung von Migräne zugelassen. Damit folgt diese deutsche Institution endlich dem patientenfreundlichen Beispiel der USA und Großbritanniens. Doch warum wirkt Botox überhaupt gegen den Migräneschmerz? Und muss man als Patient Nebenwirkungen befürchten?
Migräne: Der Kopf in der Schraubzwinge
Die Verbreitung von Migräne in Deutschland liegt unter Männern bei 8 Prozent, und unter Frauen bei 14 Prozent. So manche ehemals etablierte politische Partei würde sich derzeit glücklich schätzen, wenn sie "nur" von allen deutschen Migränepatienten gewählt werden würde. Wir reden also hier von numerisch recht stattlichen Volksgruppen, die eine neue Hoffnung am Behandlungshorizont ganz bestimmt herzlich begrüßen. Denn Migräne macht nicht nur aus dem Kopf einen unentrinnbaren Ort unaussprechlicher Pein, sondern verwandelt für quälende Stunden bis Tage auch den Rest des Körpers in ein Gefängnis, das mit Übelkeit, Erbrechen, hochgradiger Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen alles andere als ein schöner Ort ist. Für solche Marter ist die Bezeichnung "Migräne-Aura" fast schon ein sarkastischer Euphemismus. Völlig klar, dass Migräne-Patienten ohne waffenscheinpflichtige Schmerzmittel von der Teilhabe an einem ganz normalen Alltagsleben komplett ausgeschlossen wären. Und diese starken Medikamente wiederum sind für Magen, Leber und Nieren auf Dauer auch nicht gerade gesundheitsfördernd. An dieser Stelle darf jetzt endlich auch in deutschen Hausapotheken Botox ins schmerzstillende Spiel kommen.
Wie funktioniert das?
Eigentlich ist die lindernde Wirkung des Botulinumtoxins nichts weiter als eine "Nebenwirkung", die durch Migränepatienten nach einer Anti-Falten-Behandlung entdeckt werden durfte. Dieser besondere Personenkreis konnte nämlich in großer Freude mehrheitlich davon berichten, dass sich nach den "entfaltenden" Spritzen ins Gesicht auch die bohrenden Kopfschmerzen deutlich zu entspannen schienen. Auf den Plan gerufene Mediziner identifizierten sehr schnell den Grund für diesen mildtätigen Zusammenhang: Durch Botox können jene hyperaktiven Muskeln, die die Kopfnervenbahnen malträtieren, ganz gezielt ausgeschaltet werden. Die Muskeln können dann nicht mehr als steinharte Verkrampfungsknäule auf die Nerven drücken, welche sich dann ihrerseits nicht mehr dazu veranlasst sehen, mit gellendem Schmerz auf ihre organische Bedrängnis aufmerksam zu machen. Diese erlösende Wirkung hält genau so lange an, wie der Muskel durch das injizierte Botox gelähmt bleibt.
Und die Nebenwirkungen?
Wenn der Arzt sein Handwerk beherrscht, sind keine Nebenwirkungen zu befürchten. Das einzige Problem könnte darin bestehen, dass sich der Körper an das regelmäßig zugeführte Botulinumtoxin gewöhnt, und dadurch eine Toleranz entwickelt. Dann muss die Dosis dementsprechend angepasst und erhöht werden, um weiterhin Wirkung zu zeigen.
Es ist leider fast schon überflüssig, zu erwähnen, dass die meisten Krankenkassen die Kostenerstattung für diese prophylaktische Behandlung derzeit noch rundweg ablehnen. Ein Schelm, wer hier Pharmalobbyismus mit Gewinnerzielungsabsicht wittert.
-Carina Collany-

Vom gefürchteten Lebensmittelvergifter zum Superstar in den Praxen der Neurologen und der Schönheitschirurgen - was für eine Karriere. Schon erstaunlich.
AntwortenLöschen