Seinen düsteren Betrachtungen nachhängend, bemerkte Roman plötzlich eine Aufhellung des so vertraut gequälten Gesichtsausdrucks unter den verschwitzten schwarzen Stirnfransen. Oh nein, bitte nicht, bitte nicht schon wieder. Doch alles stumme Flehen half nichts. Und schon kamen die gefürchteten Worte aus dem harten kleinen Mund geflattert. „Lupinen, Roman, guck doch mal die schönen Lupinen! Bitte halt doch mal an. Ich will mir rasch ein paar holen.“
Es war ihr schon klar, dass man auf der Autobahn nicht mal eben so halten darf, um am Seitenstreifen Blumen zu pflücken. Doch Romans größter Fehler liebte nun mal Lupinen über alles. Und früher hatte es ihm nichts ausgemacht, seinen Führerschein zu riskieren, damit seine Prinzessin ihren Willen bekam. Heute jedoch ... nun ja.
Roman wollte keinen Streit. Und es war an diesem Rekordsommertag sowieso kaum jemand unterwegs. Also fuhr er auf den Standstreifen und kam direkt neben einem kleinen prächtig bunten Lupinenfeld zum Stehen. Sein Quälgeist holte sich die Blumenschere aus dem Handschuhfach, sprang aus dem Auto, und brachte der wilden Natur einige herbe Verluste bei. Gott, wie er ihn hasste, diesen kleinen Drachen, der ihn erst um den Verstand und dann um sein Leben gebracht hatte. Er hätte, gerade jetzt in diesem Augenblick, alles dafür gegeben, diese perfide Hexe endlich wieder los zu sein.
„Roman? Rooooooooman! Was ist denn? Komm und nimm mir mal die Blumen ab. Ich will schnell nochmal pinkeln gehen.“ Wie überaus charmant. Und so subtil feminin. Das ewig Weibliche hatte ihn erst hinangezogen, und dann absaufen lassen. Ergeben stieg Roman aus dem Wagen und tat, wie Madam ihm befohlen. Als die Gestalt des Grauens im Gebüsch verschwunden war, trottete Roman zum Opel zurück, legte die Lupinen auf den Rücksitz, setzte sich hinters Steuer und rollte wieder los. Kurz darauf konnte er im Rückspiegel eine wild gestikulierende Gestalt sehen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Rumpelstilzchen hatte.
Manchmal muss man es eben durch die Blume sagen.
-A. Nonym-
Boah - voll die gute böse Geschichte. Und bestürzend realistisch ...
AntwortenLöschenWenn ich mal fragen darf - warum gibt sich der Autor (die Autorin?) dieser herrlich bissigen Kurzgeschichte nicht namentlich zu erkennen? Wenn ich so was schreiben könnte, wollte ich, dass da mein Name druntersteht ;-)
AntwortenLöschenJeder darf, wie er möchte :-)
AntwortenLöschenUnd wer möchte, kann seinen Beitrag auch mit vollem Namen veröffentlichen!
Hallo BlogBlobber,
AntwortenLöschenwenn unter dem "Lupinchen" mein Name drunter stehen würde, dann bekäme ich mit ein bis zwei Leuten aus meinem Dunstkreis ziemlichen Stress. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass Herr Deppe meinen Beitrag für sein Blog zur Veröffentlichung akzeptiert hat. Hätte ich das nämlich in mein eigenes Blog gepackt, dann würde mir kein Blumenstrauß der Welt mehr aus der Patsche helfen.
Alles klar?
Grüße - A. Nonym